„Begegnungen gegen Antisemitismus“

Über fast ein Jahr und mit fünf öffentlichen Veranstaltungen brachte das Präventionsprojekt "Begegnungen gegen Antisemitismus" jüdische und nicht-jüdische Jugendliche zusammen.

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Schülerinnen und Schüler sprechen mit LfV-Präsident Schäfer über das Projekt
Schülerinnen und Schüler trafen in der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld auf LfV-Präsident Robert Schäfer (r.).

Bei einer Gedenkveranstaltung zur Reichpogromnacht in Bad Hersfeld selbst der jüngste Teilnehmer zu sein, hatte Landrat Michael Koch nachdenklich gemacht. Mit seiner Sorge, dass die nationalsozialistischen Verbrechen bei jungen Menschen in Vergessenheit geraten, stieß er nicht nur beim Landesamt für Verfassungsschutz, sondern auch bei der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld, der Gesamtschule Schenklengsfeld und der jüdischen Religionsklasse der Diltheyschule Wiesbaden auf offene Ohren. Es folgte ein Präventionsprojekt über fast ein ganzes Jahr, mit fünf öffentlichen Veranstaltungen, gemeinsam vorbereitet von den jüdischen und nicht-jüdischen Jugendlichen: „Begegnungen gegen Antisemitismus“.

Fünf öffentliche Veranstaltungen verteilt über ein Jahr

Manches waren Begegnungen mit der Vergangenheit: Ein historischer Rundgang durch Schenklengsfeld auf den Spuren der jüdischen Familie Löwenberg, untermalt von durch die Schülerinnen und Schüler vorgelesenen Zeitzeugenberichten, lies das Schicksal der größtenteils von den Nationalsozialisten ermordeten Familie für die gut 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr greifbar werden. Bei einer von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Bad Hersfeld-Rotenburg organisierten Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht vermittelten vor allem die durch die Gesangsklasse des Obersberg-Chores beigesteuerten Lieder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt eine Ahnung vom schier unermesslichen Leid der Opfer des Nationalsozialismus. Und der anlässlich des Holocaust-Gedenktages gezeigte Dokumentarfilm „Jetzt - nach so viel‘ Jahren“ veranschaulichte zum einen das Trauma von aus dem osthessischen Dorf Rhina nach New York vertriebenen Jüdinnen und Juden, vor allem aber auch den Umgang der Rhinaer Bevölkerung mit dieser Historie Anfang der 80er Jahre: Das Vergessen, Verdrängen und Relativieren. Im anschließenden Gespräch mit den Filmemachern Pavel Schnabel und Harald Lüders wurde deutlich, dass der Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen seit den 80er Jahren ein anderer geworden ist, aber auch, dass die beiden nach wie vor von manchen als „Volksverräter“ beschimpft werden.

Der jüdische Religionslehrer Mark Krasnov mit Schülerinnen und Schülern auf dem Hessentag
Der jüdische Religionslehrer Mark Krasnov stand Schülerinnen und Schülern auf dem Hessentag in Bad Hersfeld Rede und Antwort.

Anderes waren Begegnungen mit der reichen und vielfältigen Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland: Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe sprachen die Schülerinnen und Schüler auf dem Hessentag in Bad Hersfeld mit dem ersten und einzigen jüdischen Religionslehrer an einer staatlichen Schule in Hessen. Sehr persönlich gab Mark Krasnov Auskunft darüber, was sein Glaube für ihn bedeutet, wie und warum seine Familie aus der Ukraine ausgerechnet nach Deutschland kam und was er sich als jüdischer Mensch in Deutschland am meisten wünscht. Aber auch Erfahrungen mit Antisemitismus kamen immer wieder zur Sprache: In der Öffentlichkeit eine Kippa oder einen Davidstern zu tragen, dazu kann Krasnov seine Schülerinnen und Schüler leider nicht guten Gewissens ermutigen. Eine Einschätzung, die bei einer Gesprächsveranstaltung mit dem Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz und dem Hessischen Antisemitismusbeauftragten Uwe Becker einige Monate später leider bestätigt wurde: Der beeindruckend selbstbewusste und idealistische Gurewitz will es sich zwar nicht nehmen lassen, öffentlich als Jude erkennbar zu sein, wurde aber auch schon mehrfach Opfer antisemitischer Übergriffe.      

Begegnungen von jüdischen und nicht-jüdischen Schülerinnen und Schülern

Mindestens ebenso wichtig wie die öffentlichen Veranstaltungen war jedoch die gemeinsame Vorbereitung durch die jüdischen und nicht-jüdischen Schülerinnen und Schüler, waren die persönlichen Begegnungen. Die Beteiligten haben dabei so manchen gelernt, das sie als abstrakten Fakt möglicherweise schon vorher im Kopf hatten, das durch das persönliche Erleben aber noch einmal ganz anders verinnerlicht werden konnte:

Zum Beispiel: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist klein. Die nächste etwas größere Gruppe jüdischer Jugendlicher fand sich erst in Wiesbaden. „Etwas größer“ ist hier relativ, im Moment besteht der Oberstufenkurs jüdische Religionslehre aus sechs Jugendlichen - aus ganz Wiesbaden und den umliegenden Städten. Die Bad Hersfelder oder die Wiesbadener Jugendlichen wurden für jede einzelne Veranstaltung über mehrere Stunden hin und her gefahren und haben diese Tatsache - dass die jüdische Gemeinschaft so klein ist -, dabei im wahrsten Sinne des Wortes erfahren. Der einzige junge Mann, der im Raum Bad-Hersfeld hätte eingebunden werden können, war gerade dabei, aus Deutschland auszuwandern. Ohne den Einzelfall zu sehr zu verallgemeinern, muss das nachdenklich stimmen.

Oder auch: Auf der Bühne und dahinter war immer wieder zu erleben, wie selbstbewusst die Jugendlichen ihr Judentum leben. Aber auch ihre Ängste wurden sehr konkret erfahrbar. Einige der Veranstaltungen wurden durch ein Fernsehteam begleitet, aber nicht alle Eltern waren damit einverstanden, dass ihre Kinder im Fernsehen gezeigt werden. Die nicht-jüdischen Schülerinnen und Schüler sind durch die Sicherheitsschleusen der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden gegangen und haben bei den Veranstaltungen an ihrer Schule die Schutzmaßnahmen der Polizei erlebt. Für sie eine ungewohnte Erfahrung, für die jüdischen Jugendlichen hingegen Alltag.

Viele Gemeinsamkeiten

Doch nicht alle Erkenntnisse waren so negativ: Die jüdischen und nicht-jüdischen Jugendlichen hatten viel mehr gemeinsam, als sie erwartet hatten. Es gab einen schönen Moment, als die Bad Hersfelder Schülerinnen und Schüler in der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden zu Gast waren: Irgendjemand fragte, wie das Gebäck auf dem Tisch heißt, und die Antwort lautete „Keks“. Rabbiner Gurewitz erzählte, dass er bei einer anderen Veranstaltung gefragt wurde, wie der Tagesablauf eines jüdischen Jugendlichen aussieht, und die Antwort lautete: „Er steht auf, putzt sich die Zähne, geht in die Schule...“. Zwischen den Schülerinnen und Schülern gab es Gespräche darüber, dass man sich gerne koscher ernähren würde, dies aber sehr schwer praktisch umzusetzen ist, und dass man sich gerne vegan ernähren würde, dies aber ebenfalls sehr schwer praktisch umzusetzen ist. Es wurde über die Abiturprüfungen gestöhnt und sich gegenseitig um die jeweils anderen Lehrer beneidet.

Das alles war nicht Teil des offiziellen Programms, das waren die Gespräche am Rande, aber gerade diese Gespräche am Rande, dieses alltägliche und unverkrampfte Kennenlernen waren ein wichtiger Teil des Projektes. Denn wenn Umfragen zufolge jeder fünfte Deutsche der Aussage, „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns“ zumindest in Teilen zustimmt, dann ist das der Nährboden für Schlimmeres. Was das Projekt dem alles entgegenzusetzen hatte, wurde bei jeder der zahlreichen Begegnungen aufs Neue deutlich.

Stand: 03.02.2020