LfV-Präsident Bernd Neumann widmete sich in seiner Begrüßungsrede dem Titel des 27. Herbstgesprächs. „Zwischen Protest und Terror liegt ein breites Spektrum. Auch fundamentale Kritik an Staat, Gesellschaft und Wirtschaftsordnung ist zunächst Ausdruck einer pluralistischen Demokratie. Eine offene Gesellschaft wie die unsere muss Widerspruch ertragen, sie braucht ihn sogar. Für uns ist nicht entscheidend, ob eine Position links oder rechts steht, ob sie populär oder unpopulär ist oder ob sie den Staat scharf kritisiert. Entscheidend ist die Frage, ob tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen unser demokratisches Miteinander vorliegen. Und entscheidend wird es insbesondere dort, wo politische Überzeugung zur vermeintlichen Rechtfertigung von Gewalt wird.“
Im Anschluss beschrieb Neumann die Entwicklungen im Linksextremismus, die Anlass zur Sorge geben, insbesondere mit Blick auf die Gewalt. „Wir sehen auch in diesem Zusammenhang, wie sich vor allem junge Menschen mitunter in rasantem Tempo radikalisieren, zunehmend im digitalen Raum. Algorithmen, soziale Netzwerke und geschlossene Kommunikations-Echokammern wirken wie Brandbeschleuniger. Darüber hinaus verändern sich auch die gesellschaftlichen Diskurse, an die Akteure der linksextremistischen Szene anzuknüpfen versuchen, beispielsweise indem bürgerliche Demonstrationen unterwandert werden.“ Der Präsident verwies zudem auf eines der Leitbilder des LfV. „Kein Raum für Extremismus. Und ich meine hier jede Form, denn es gibt keinen guten und schlechten Extremismus.“
Die weiteren Teilnehmer der Diskussionsrunde äußerten sich wie folgt zum Thema.
Hendrik Hansen, Professor für Politischen Extremismus und Politische Ideengeschichte am Fachbereich Nachrichtendienste der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
„Der Linksextremismus zeigt sich in Deutschland hinsichtlich der Ideologien, der Strategien und der Organisationsformen als heterogen. Doch die Zersplitterung wird regelmäßig durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gruppierungen und Einzelpersonen in Themenfeldern wie dem Antifaschismus, dem Antizionismus und dem Antimilitarismus zumindest partiell überwunden. Das gemeinsame Feindbild dient dabei als Brücke. In diesen Themenfeldern werden Bündnisse wie ‚Widersetzen‘ oder ‚Rheinmetall entwaffnen‘ gebildet, in denen auch gewaltorientierte Linksextremisten Seite an Seite mit demokratischen Akteuren agieren. Die Partei Die Linke, die selbst in Teilen linksextremistisch ist, spielt in diesen Bündnissen regelmäßig eine wichtige Rolle. Eine besondere Gefahr geht von der Tatsache aus, dass der Linksextremismus in der Öffentlichkeit oft unterschätzt oder in dem Glauben relativiert wird, dass Linksextremisten eigentlich die richtigen Ziele verfolgen und nur gelegentlich die falschen Mittel wählen.“
Felix Neumann, Referent Extremismus- und Terrorismusbekämpfung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung
„Linksextremistische Akteure versuchen zunehmend, friedliche und demokratische Protestbewegungen zu unterwandern. Sichtbar wird dies bei Demonstrationen oftmals durch verwendete Flaggen, szenetypische Kleidung oder entsprechende Codes. Nicht sofort erkennbar ist jedoch der Transfer extremistischer Narrative, die zu einer Radikalisierung führen können. Diese Entwicklung ist bei den klimapolitischen Bewegungen gut erkennbar. Nicht zu unterschätzen ist dabei der digitale und internationale Charakter, der vor allem durch die Kampagne ‚Switch Off‘ deutlich wird. Während sich aktuell eine inhaltliche Erweiterung auf die Themen Künstliche Intelligenz, große Tech-Unternehmen und die Feindbilder Elon Musk, Jeff Bezos und Peter Thiel beobachten lässt, stellen linksextreme Aktionen und Narrative die Demokratie nicht nur in Frage, sondern bekämpfen sie aktiv.“
Olaf Sundermeyer, Journalist und Autor (rbb)
„Die Gefahr durch den Linksextremismus für die Demokratie wächst mit zunehmender Militanz. Diese wiederum erfährt in einigen gesellschaftlichen Milieus politische Legitimation, durch die sie getragen wird, weil sie Ziele verfolgt, die als gut gelten und mehrheitlich sozial erwünscht sind. Das gilt für die Klimarettung als Motiv linken Terrors gegen die Kritische Infrastruktur ebenso wie für die linksmotivierte Gewalt gegen Parteien und Personen, die als rechtsextremistisch ausgemacht werden und die den Antifaschismus als Motiv hat. Weil der Klimawandel durch bisheriges staatliches und gesellschaftliches Handeln nicht aufgehalten wird, greift die Angst vor ihm als Radikalisierungstreiber in Teilen der Klimabewegung. Zugleich haben bisherige politische und zivilgesellschaftliche Mittel das Wachstum der Wirkungsmacht des Rechtsextremismus durch den Aufstieg einer im Kern völkisch-nationalistischen Partei, der AfD, bis hin zur Regierungsoption nicht gestoppt. Deshalb radikalisiert die Angst vor faschistischen Verhältnissen einige Linksextremisten hin zur Gewalt als Mittel ihres antifaschistischen Kampfes.“